Buntes Auschwitz oder: Die eigene Gaskammer im Keller.

Kreuzberger „endart“-Künstler in neuem Buch!

Blalla Hallmann und das Monster von Amstetten

Im März 1946 fand vor einem Pariser Gericht ein heute erstaunlicherweise vergessener Prozeß statt. Marcel Petiot hatte während der Besatzung durch die Nazis Juden gegen Geld Fluchthilfe aus Paris angeboten. Sobald er das Geld erhalten hatte, tötete Petiot die Flüchtlinge in seinem Keller in einer selbst gebauten Gaskammer. Er wurde wegen 24fachen Mordes verurteilt, in seinem Haus fand man das Gepäck seiner Opfer, fein säuberlich nummeriert und aufgestapelt wie die Koffer in Auschwitz.

Das war 1946. 2008 schreibt Elfriede Jelinek in ihrem Webblog über den schrecklichen Josef F., den Pappi von Amstetten, daß er sich, ebenfalls im Keller, sämtliche Patriarchen-Träume erfüllt hat: Er war für seine Gefangenen Gottvater, Vater und Großvater in einer Person, Schöpfer einer höllischen Trinität. Am Mondsee besaß er ein Sommerhäuschen, dort wo vor 65 Jahren die Nazis ganz in der Nähe eins der schrecklichsten KZ betrieben. Tief unten im Berg produzierten Zwangsarbeiter Teile für die V2.

Zufällig lernte ich einen der letzten Überlebenden dieses Lagers kennen, ein Pole, der nach 1945 dageblieben war. Er hatte geheiratet und ein kleines Haus gebaut inmitten eines paradiesischen Blumengartens und führte jetzt Touristen durch die unterirdische Fabrik. Ich fragte ihn, wie er das aushält, an diesem Ort des Verbrechens zu leben. „Die Gemeinde hat die KZ-Grundstücke ganz billig abgegeben,“ sagte er , „so kam auch ich zu meinem Haus, und im übrigen ist es ja nun vorbei.“

Es ist aber nicht vorbei.Unentdeckt, ohne Umerziehung und angefüllt mit den Idealen ihrer Jugend bauen die praktischen Beton-Ingenieure was sie am liebsten haben: Die eigene private Gaskammer im Keller… Antifaschist sein heißt, Menschen, die unter Hitler ihre schönste Zeit hatten, vom Gegenteil zu überzeugen.

Aber was sollen diejenigen tun, die keine Schwielen auf der Seele haben, denen „die Nase schmerzt,wenn sie sie nur aus dem Fenster halten.“(Kleist). Die nicht wegschauen und nicht vergessen können.

So einer war der Maler Wolfgang Hallmann, genannt Blalla (1941-1997). Zuerst kämpfte er dagegen an, suchte praktische linke Änderungen mit Hoffmans Comic Theater, dem Vorläufer von Ton, Steine Scherben. Dann malt er laute, schreiende Bilder um mitzuteilen was immer noch da ist und verzweifelt daran, daß nur er es zu sehen scheint. Aber Leute, die schreien und fühlen und nicht aufgeben, landen im Irrenhaus, wo ihnen ihr Protest und ihre Empfindlichkeit weggemacht wird. Tatsächlich sind seine Bilder danach hell und bunt und er wird sogar Kunstprofessor in Braunschweig, aber der naive Grimm bleibt.

Nie hätte ich für möglich gehalten, daß man so etwas darstellen kann: Unter der grellen geilen Normalität hausen die KZ-Toten und bestimmen unsere Wirklichkeit (Samenbank, 1992).In der Metzelsuppe (1981) finden sich die Untaten der Wehrmacht altmeisterlich hingepinselt. Der Kunstsammler Ludwig läßt sich in Naziuniform lecken, Happening (1994). Und immer wieder Hitler, Sex, Kot, Leichenberge, Festung Europa (1991). Zu den Ereignissen in Amstetten fiel mir umstandslos Bergkirchweih (1974) ein, das am meisten österreichische Bild: Fromme Pilger strömen zur Predigt und tragen geduldig riesige Kreuze auf die Hügelkuppe; dort werden sie mithilfe sinnreich konstruierter Maschinen aufs Holz genagelt, Blut fließt in Strömen ins grüne Wiesengras, Touristengruppen sehen dem Ganzen interessiert zu und speisen im angeschlossenen Kirchengasthaus.

Die Wahrheit über Atlantis (1974): Große bunte Schiffe landen Menschenmassen am Steg einer lustigen Badeinsel an, durch einen Tunnel (Keller, Fabrikschacht) werden sie per Förderband zur Hinrichtungsstätte geführt, wo Strang, Gas und alle Arten von Metzelei über sie hereinbrechen – immer noch bunt und lustig verschwinden sie in tinguelymäßigen Verbrennungsöfen. Aus dem quietschgelben Schornstein steigen rote Luftballons mit den Seelenkörpern und verschwinden im endlosen Himmel, der nun nicht mehr fröhlich leuchtet, sondern brandrot schwelt.

Das Bad Auschwitzer Sternensinger Ensemble tanzt (1981): Auf diesem Bild tanzen Gestalten in Feuerofen und Gaskammer zugleich, naiv gemalt wie von dem Zöllner Rousseau. Aber was heißt in diesem Zusammenhang „naiv“? Blalla Hallmann hat das so empfunden und mußte es so malen, im gleichen Stil schuf er Gesund durch Ausschwitzen (1981) mit einer Reihe erhängter Gerippe in KZ-Uniform. Grauenhaft.

Wahrscheinlich gibt es Leute, die nicht merken, dass in diesen Bildern nicht nur unsere Vergangenheit sondern auch unsere barbarische Zukunft enthalten ist, ähnlich wie in den Werken von Hieronymus Bosch, der um 1500 die seelischen Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges prophezeite. Seine eigene Gegenwart hätte Herr F. aus Amstetten in Blallas Bildern wiedererkannt: Verkohlte Babyleichen neben bunten Spielsachen in einem technisch durchdachten Raum. Das klingt wie ein Bildtitel von Hallmann.

Endlich gibt es den großen wunderbaren Bildband mit fast allen Blalla-Bildern: Die Sprache verschlagen. Klaus Theuerkauf von der Kreuzberger Galerie endart war der erste, der mir Blalla-Bilder zeigte, erklären brauchte er nichts, die kaputte Seele, die hier schrie, war mir verwandt. „Blalla war mein bester Freund,“ schreibt er und erwartet, daß die große Zeit des Malers Hallmann bevorsteht und man die heutigen geistigen Kleingärtner à la Meese genauso vergessen wird wie die akademischen Zeitgenossen der Wegbereiter der Moderne. Wer die Bilder von Hallmann im Kopf hat, kann mit der herrschenden Seichtheit nichts mehr anfangen. Denn Wirk-lichkeit ist nicht, was oberflächlich glänzt, sondern was wirkt, so wie die Leichen im Keller unserer Reihenhäuser.

-Die Sprache verschlagen. Die Bildgewalt des Blalla W. Hallmann. Herausgeber: Matthias Reichelt und Institut für moderne Kunst Nürnberg. Mit über 200 farbigen Bildern und Fotos von B.Hallmann und Beiträgen von Anja Zimmermann, Klaus Theweleit, Titus Milech, Udo Kittelmann, Barbara Kalender und Jörg Schröder, Klaus Theuerkauf . Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2007. ISBN 978-3-936711-91-2. Dank einer Zuwendung der Stiftung Kunstfonds ist der Verkaufspreis für dieses exzellente Buch mit 35 Euro äußerst günstig.

DR. SELTSAM für JUNGE WELT-Feuilleton, 31.Juli 2008.